Terror-Mafia in Brüssel-Molenbeek?

23. März 2016

Johan Leman, Anthropologe und Präsident eines Sozialzentrums in Molenbeek arbeitet seit über 30 Jahren in diesem Brüsseler Stadtteil, der in den letzten Jahren zu trauriger Berühmtheit gelangte. Er gab dem LE FIGARO ein Interview nach den Brüsseler-Anschlägen von Gestern.

Leman spricht von einem „armen Croissant“, er hätte auch von einer „Sichel der Armut“ sprechen können, gebildet aus den Problemstadtteilen Schaerbeek im Norden, rechts des Kanals, Molenbeek im Westen, links des Kanals und Forest im Süden, wieder rechts des Kanals Bruxelles-Charleroi, der die Stadt in Nord-Süd-Richtung zerteilt.

DAECH, oder IS, Islamischer Staat genannt, sei dort organisiert wie die Mafia und eng mit dem Drogenhandel von Cannabis aus dem RIF-Gebirge Marrokos verknüpft. In der Tat seien einige der jetzt im Nachhinein zu terroristischen Meisterhirnen und Hauptakteuren erklärten Männer wie zum Beispiel auch der letzten Freitag verhaftete Salah Abdeslam kleine Drogendealer in Molenbeek gewesen. Sie hätten jetzt vermutlich eine bereits vorbereitete Aktion vorgezogen, um auf die Verhaftung Abdeslams schnell zu antworten, im Mafia-Stil eben!

In Molenbeek sei es jedem klar gewesen, daß es mit der Verhaftung nicht zu Ende gewesen sei, sondern daß es eine Antwort geben würde.

Auf die Frage, ob die mediale Beschreibung Molenbeeks als Djihad-Basis in Europa zutreffen sei, antwortete er mit einem schlichten „Ja!“

„Ja, es gäbe terroristische Zellen in Molenbeek! Das betroffene Gebiet sei aber viel größer und beschränke sich nicht auf das berüchtigte Molenbeek, sondern umfasse das ganze bereits benannte „arme Croissant“ um das Brüsseler Zentrum herum. Mit dem Auto brauche man keine zehn Minuten um das Gebiet zu durchfahren. Hier hätten die Terroristen, Familie, Freunde, Komplizen, Helfer, Sympathisanten und Unterstützer, kurz ihre  Infrastruktur und Logistik.

Die naivsten Kandidaten für den Djihad kämen aus Syrien, „im Dienste der Sache“. Die entschlossensten Kämpfer aber kämen von hier und sie seien, in vielen Fällen, eng mit dem Drogenhandel verbunden!

Typische Beispiele dafür seien Salah Abdeslam, der letzte bekannte Überlebende der Pariser-Anschläge des 13. November 2015, aber auch Medhi Nemmouche, der im Mai 2014 den Terroranschlag gegen das Jüdische Museum in Brüssel ausführte. Der sei damals sogar in einem Drogendealer-Bus auf der Drogen-Route nach Marseille geflüchtet, wo er schließlich geschnappt worden sei.

Es sei eine Besonderheit Molenbeeks, daß viele der hundertausend Einwohner aus Marokko, speziell dem Rif-Gebirge der Berber, der Region Ketama, stammten, dem Ursprungsort der Cannabis-Drogenroute, die von dort über Spanien oder direkt über Marseille, durch Frankreich, nach Molenbeek, Anvers, Rotterdam und Amsterdam führe.

Wie es soziologisch in Molenbeek aussehe?  Etwa 100.000 Einwohner, dazu etwa 5.000 Illegale, etwa 80% mit Migrationshintergrund, etwa zu 60% aus Marokko stammend, aber auch Pakistanis, Osteuropäer und Nordafrikaner. In den letzten 20 Jahren sei die Bevölkerung um ein Drittel angewachsen und die Hälfte sei unter 35 Jahren alt. Die Bevölkerungsdichte sei sehr groß und der entsprechend Druck wachse. Das gesamte „arme Croissant“ umfasse bis zu 250.000 Bewohner.

Molenbeek sei bereits seit 15 Jahren mit Terrorismus verbunden. Man erinnere sich an die Morde des „Kommandanten Massoud“ um die Zeit des 11. September?

Es gäbe hier eine „nebulöse Form des Terrorismus“, schon seit langer Zeit, ebenso wie in Frankreich, Großbritannien und Italien. Die Terroristen wechselten offenbar problemlos, ohne jede Schwierigkeit, von Land zu Land? Es sei nicht unmöglich, daß „diese Alten“, die in Frankreich um 1995 als GIA (Groupe islamique armé) bekannt wurden, hinter den Kulissen noch heute die Fäden zögen und sich der kleinen Drogendealer, der Abdeslams und Anderer bedienten?

Was solle, was könne man tun?
Der Staat, die Polizei, die Justiz und die Institutionen müssten in dieses Gebiet zurückkehren! Sie kännten es gar nicht mehr, hätten keinen Kontakt mehr mit dessen Bevölkerung! In einer Woche könnten sie wissen, wie diese Strukturen zusammengesetzt seien. Die Anwohner wären zur Kooperation bereit, wenn sie nur respektiert würden. Man müsse agieren wie die Italiener es in Sizilien erfolgreich gegen die Mafia vorgemacht hätten…

NACHTRAG:
Die Brüder Khalid, 27 und Brahim El Bakraoui, 31, zwei sattsam polizeibekannte Brüsseler Kriminelle, sollen die Selbstmord-Attentäter vom Brüseler Flughafen ZAVENTEM gewesen sein. Der dritte, noch flüchtige Attentäter, dessen Koffer nicht detonierte, soll Najim Laachraoui sein. Er gelte als der „Feuerwerker“, der Sprengstoffexperte der Gruppe?  Das behauptet eine Exklusiv-Meldung des belgischen TV-Senders RTBF.

Khalid soll unter falscher Identität die Wohnung in der Rue du Dries 60 im Brüsseler Stadtteil Forest angemietet haben, wo es vorige Woche eine Schiesserei mit der Polizei gab, die zu einem toten Terroristen(?) und vier verletzten Polizisten führte. Er soll auch eine Immobilie angemietet haben, die zur Vorbereitung der Attentate von Paris vom 13. November 2015 gedient haben soll.

Damit gäbe es eine direkte Verbindung zwischen den Anschlägen von Paris und Brüssel durch die Brüder Abdeslam und El Bakraoui.

Die Identifizierung des Trios soll durch einen aufmerksamen Taxifahrer gelungen sein, von dem sich sich von ihrer konspirativen Wohnung(!) abholen und zum Flughafen bringen ließen, ohne sich bei ihren schweren Koffern helfen zu lassen, wodurch sie sich auffällig machten.

„…Un ressortissant turc fiché pour terrorisme depuis 2015 est également recherché. Son véhicule a été signalé à l’aéroport avec trois ou quatre passagers à bord, indique la Dernière Heure…“

Nach einer Person türkischer Nationalität, seit 2015 wegen Terrorismus zur Fahndung ausgeschrieben, werde ebenfalls gesucht. Ihr Fahrzeug sei am Flughafen, mit drei, vier Insassen darin, erkannt worden, meldet die Letzte Stunde.

Exklusiv: Najim Laachraoui in Anderlecht (südlich von Brüssel) verhaftet! Sein Bild, das die Medien für ihn veröffentlichten, wurde in der vorigen Woche von der NEW YORK TIMES als das Bild Salah Abdeslams veröffentlicht! Woher hatte die Zeitung zu diesem Zeitpunkt die Information, das zwischen diesen Männern ein Zusammenhang bestand?

2. NACHTRAG: Die New York Times hat ihren Artikel inzwischen ohne Hinweis korrigiert und das Bild des falschen Salah Abdeslam durch das Bild des richtigen Abdeslam ausgetauscht. Eine Erklärung darüber wann, wie und durch wen die Zeitung das Bild von Najim Laachraoui erhielt, wäre schon sehr interessant gewesen…

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http://www.lefigaro.fr/international/2016/03/22/01003-20160322ARTFIG00176-johan-leman-abdeslam-en-prison-molenbeek-savait-que-ce-n-etait-pas-fini.php

http://www.rtbf.be/info/societe/detail_les-freres-el-bakraoui-identifies-parmi-les-kamikazes-de-l-attentat-de-zaventem?id=9249275

http://www.dhnet.be/actu/belgique/exclusif-najim-laachraoui-arrete-a-anderlecht-direct-56f2656235708ea2d3d54186

 

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Paris-Terror: Was weiss man über die Täter?

15. November 2015

Bei zwei mutmaßlichen Tätern ist die Identität bekannt:
Einer ist Ismaël Omar Mostefaï, ein 1985 in Frankreich geborener Kleinkrimineller, mit 8 Strafen zwischen 2004 und 2010, jedoch niemals im Gefängnis gewesen! In 2010 radikalisierte er sich bekam ein „S“ für Staatssicherheit in seine Akte und soll im Winter 2013-2014 über die Türkei für einige Monate nach Syrien gereist sein (Danke, Erdogan!). Sechs Personen, aus seinem Umfeld, darunter Vater und Bruder sollen jetzt festgenommen worden sein.

Abdulakbak. B. ein 1990 geborener Syrer, der am 3. Oktober auf der griechischen Insel Leros als Flüchtling registriert wurde (ich berichtete hier bereits über ihn), ist der andere Identifizierte. Er war den französischen Behörden unbekannt. Aber die Franzosen haben sich noch nicht darauf festgelegt, daß dieser Pass dem toten Attentäter zuzuordnen sei!

Dann gibt es die obligatorische „belgische Spur“, wie immer nach Molenbeek, einer Islamistenhochburg bei Brüssel, führend. Dort wurden drei Personen festgenommen, darunter den in Belgien lebenden französischen Mieter des VW-Polo, den die Attentäter vor dem Bataclan-Palast stehen ließen. Der belgische Premier Michel vermutete, dass einer der drei Festgenommenen am Freitag Abend in Paris am Tatort war.

Einer unbestätigten Meldung zu Folge sollen zwei der „zerissenen“ Selbstmordattentäter sehr junge Männer im Alter zwischen 15 und 18 Jahren gewesen sein!

Eine der Arbeitshypothesen der Ermittler nimmt an, daß ein ausländisches Kernteam (aus Syrien?) eingereist und durch lokale islamistische Helfer vor Ort verstärkt worden sei!

Alle sieben Täter setzten Kalashnikovs ein, benutzten die gleichen Sprengmittel und gingen sehr effektiv vor, um maximalen Schaden anzurichten.

Was gefällt mir daran nicht? Es gibt merkwürdige Parallelen des Wandels von Kleinkriminellen zu hoch effektiven Terroristen in den Fällen des Mohamed Merah aus Toulouse, der CHARLIE HEBDO Terroristen im XI. Bezirk von Paris, der Brüder Kouachi, und der aktuellen Attentate im X. und XI. Arrondissement von Paris. Es sieht aus, wie ein wenig glaubwürdiges Muster?